Blitzer-Beten – Editorial 03/2020

Was für eine niedliche Petitesse. Oder doch eine Grundfrage? Gegenstand merkwürdiger Verkrümmung?

Wenn man gut 50.000 Kilometer pro Jahr auf der Autobahn verbringt, bekommt man viele gute Chancen, geblitzt zu werden. Neulich war es mal wieder so weit. Tief versunken in guten Gedanken … Plopp!

Oh, nein, die rote Lichtwelle im Gesicht (oder war es die innere Glutwelle des Schuldgefühls?), Schreck, Ärger! Das war deutlich zu schnell! Hoffentlich gibt das kein Fahrverbot! Wie soll ich das bewältigen? Das passte gerade überhaupt nicht! So viele Termine am Horizont!
Aber, völlig klar: „Du hast dir das selbst eingebrockt, also musst du es auch selbst auslöffeln, maul nicht!“ dachte ich. Nur … das war jetzt wirklich gerade richtig fies eben, überraschend, blöde! Ich war gerade so gut drauf mit Gott, super Gebets-Phase. Und jetzt das!
Um Verschonung beten? Wie naiv! Das Ding war doch gelaufen! Sowas tu ich nicht. Mach ich nie! Selbst auslöffeln!
Aber irgendwie, ganz intuitiv – ging es mir diesmal anders. Irgendwie war ich gerade so intensiv dran an Gott, so warm, so kindlich … so … naiv genug, dass ich empfand: Ich darf das jetzt – diesmal. Ich tu’s! Ich bete! „Herr, du kannst irgendwie dafür sorgen, dass ich verschont bleibe. Du kannst das! Herr, hilf!“ Da war ein tiefes Zutrauen, eine innere Autorität, eine Ruhe in mir – es war für mich selbst überraschend!

Denn: Für sowas kann man doch eigentlich nicht beten, oder? Wer nicht aufpasst, hat selbst Schuld. Also! Aber diesmal betete ich. Gegen alle meine Argumente! Trotz all der hochkomplexen Denke, mit der ich mich da sonst herumschlage. Und anscheinend nicht nur ich. Denn wofür darf man beten? Wofür darf man nach Auschwitz noch beten? „Eins weiß ich genau“, sagte ein Freund neulich zu einem grauenvollen Zeitungsbericht, „nach diesem brutalen Mord an der jungen Frau kann ich nicht mehr um einen Parkplatz beten!“

Wie verständlich! Wie nachvollziehbar! So viel Böses in dieser Welt. So viel Schlimmes in jedem nur denkbaren Maßstab. So viel Qual und Tod! Leid XXL! Was ist da wichtig genug, um Gott zu stören? Wofür kann ich noch beten? Und woran kann ich noch glauben, wenn es um Gebet geht? Wie ist dieser Gott, dem ich mich da zumute? Verbietet es sich nicht, ihm mit meinem Kleinkram zu kommen? Kann ein reflektierter Mensch ihn überhaupt noch in eigener Sache belästigen?
Eine hochkomplexe Frage. Die uns beschäftigt – bewusst oder unbewusst. Immer wieder höre ich Aussagen, die alle möglichen Formen religiöser Mathematik atmen, persönliche Hierarchien oder Grenzen. Wofür beten? Parkplatz und Blitzer nein, Krebs ja? Warum? Es ist schwer für reflektierte Menschen, sich „einfach“ einzulassen auf das Beten. Hingegeben, glaubend, ehrlich – und nicht nur als fromme Zusatzversicherung zu eigener Anstrengung.

Bei meiner Blitzer-Erfahrung ist mir klargeworden: Wie schwierig/einfach das Gebet für mich auch sein mag, ich darf mich nicht blockieren lassen durch gute Fragen – die niemand beantworten kann. Ich muss Mut gewinnen für eine ganz persönliche Praxis – in die ich mich am Ende auch wirklich fallen lasse.

Gebet ist eine Grundform des Glaubens. Und, ja, jeder hat da seinen ganz eigenen Weg. Aber wie raffiniert ich auch immer denke: Ich werde niemals mehr sein als ein Kind Gottes. Und Kinder dürfen bitten. Und empfangen. Und sind abhängig. Von einem guten Vater. Der sie persönlich kennt – biblisch belegt. Mehr geht nicht.
Manchen fällt die zweite, erwachsene Naivität des Glaubens leicht in den Schoß. „Ich hatte noch nie Zweifel!“, sagt ein Freund. Und ich glaube ihm. Mir geht es anders. Aber egal, ob wir Naturtalente sind oder Arbeitssiege erkämpfen: Wir bleiben immer Kind Gottes. Dürfen eine persönliche Beziehung haben. Dürfen beten, wie es uns ums Herz ist. So ist Gott. So sind Menschen.

Was will ich sagen? Eigentlich vor allem, dass ich dankbar bin für meine Blitzer-Erfahrung. Mich Gott anvertraut zu haben. Mich nicht von meinen intellektuellen Blockaden hindern zu lassen. Ganz intuitiv Zuflucht zu suchen.

Denn zur zweiten, „erwachsenen“ Naivität gehört es auch, dass wir nicht frustriert oder über-reflektiert Gott fernbleiben. Seine Nähe gar nicht mehr suchen (Jak 4,8). Denn es gibt ja viele Arten der Distanz – auch die, zu meinen, man habe Gottes unendliche Größe begriffen – und mein Kleinkram passe einfach nicht zu ihm.
Für mich war dieser Blitzer also irgendwie ein Sieg. Selbst auslöffeln – oder naiv und einfach beten. Weil … weil Gott Gott ist. Und ich sein Kind. Ende.
Und was immer Sie jetzt denken: Ich glaube tatsächlich, dass sich in dieser kleinen Frage das große Drama meiner Gottesbeziehung abspielt. Die Frage, wie Gott wohl ist. Und wie ich mit ihm leben will.
Zu naiv gedacht? Muss da mehr Substanz rein? Frieden, Armut, Gerechtigkeit, Hunger, Klimawandel oder weltweite Erweckung?
Dann denken Sie das doch mal für sich durch: Welches Gebetsziel ist groß genug? Ab wann kann ich ernsthaft beten? Und was ist der Eintrittspreis dafür? Wie erwachsen müssen wir glauben? Und wie ist Gott?

Viel Freude an dieser Ausgabe,
Ihr Ulrich Eggers

PS:
Und hat Gott geholfen? Das ist eigentlich unwichtig. Aber … ja.